Ökonomisches Handeln ist immer gesellschaftlich eingebettet. Zum einen ist eine funktionierende Wirtschaft auf gesellschaftliche Leistungen angewiesen, die sie selbst nicht herstellen kann: etwa Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, unbezahlte Sorgearbeit, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und normative Orientierungen.
Zum anderen hat jede Wirtschaftsordnung eine prägende Wirkung auf die Gesellschaft, in die sie eingebettet ist. Während sie Wohlstand und Partizipation ermöglicht, kann sie ebenso soziale Ungleichheiten vertiefen und Mensch wie Natur belasten.
Wirtschaftliche Strukuren folgen keinen naturgesetzlichen Notwendigkeiten, denen Menschen ausgeliefert sind. Sie entstehen durch soziales Handeln und kulturelle Praktiken und sind daher veränderbar.
Ökonomische Prozesse erzeugen Spannungsfelder – zwischen individuellen und kollektiven Interessen sowie zwischen gegenwärtigen Entscheidungen und zukünftigen Auswirkungen.
Der Arbeitsbereich Politische Ökonomie widmet sich der Untersuchung dieser Spannungsfelder.
Symposium „Europe’s industrial policy options in the digital, green and geoeconomic transitions“ im Xplanatorium Schloss Herrenhausen, Hannover vom 15. April bis 17. April 2026
Förderung: VolkswagenStiftung
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
Projektbeteiligte: Dr. Timur Ergen, Robert Hancké
Europas industriepolitische Optionen angesichts digitaler, klimatischer und geoökonomischer Umbrüche
Europas Demokratien stehen vor der Herausforderung dreier miteinander verwobener globaler Krisen, die jeweils die begrenzten Ressourcen belasten und um Linderung konkurrieren. Die geopolitische Neuausrichtung erfordert drastisch erhöhte Verteidigungsausgaben und führt gleichzeitig zu Störungen von Handelsrouten und Lieferketten. Die Klimakrise erfordert Mittel für deren Eindämmung, Anpassung und Entschädigung der betroffenen Bevölkerungsgruppen im Inland sowie im Globalen Süden. Rapider technologischer Wandel führt zu einem steigenden Bedarf an staatlicher Unterstützung bei der industriellen Umstrukturierung und technologischen Modernisierung.
Um angesichts dieser Krisen und der konkurrierenden Ansprüche auf begrenzte Ressourcen Europas industriepolitische und wirtschaftsstrategische Handlungsoptionen auszuloten, richten wir im April 2026 mit Unterstützung der Volkswagenstiftung ein dreitägiges internationales Symposium aus. Die Gesprächsrunden decken die folgenden Themenbereiche ab: (1) Europas Platz in der postliberalen internationalen politischen Ökonomie; (2) Anreizstrukturen des digitalen und grünen Wandels; (3) Industriepolitische Auswirkungen neuer Geschäftsmodelle; (4) Neue Industriepolitiken in historischer Perspektive; (5) Nationale Wachstumsmodelle in einem sich wandelnden geoökonomischen Kontext.
Projekt: „Netzwerk Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie“
Förderung: Rhein-Main-Universitäten Förderlinie „Förderung der RMU-Vernetzung in innovativen Projekten“
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
Die Politische Ökonomie als Teilgebiet der Politikwissenschaft krankt seit Jahrzehnten an einer exzessiven Binnendifferenzierung. Besonders problematisch sind der unterentwickelte Dialog zwischen der Vergleichenden Politischen Ökonomie (VPÖ) und der Internationalen Politischen Ökonomie (IPÖ) sowie der mangelnde Austausch zwischen RegionalexpertInnen für OECD-Länder und den Globalen Süden.
Unser RMU-Netzwerk widmet sich dem Ziel, den dringend notwendigen Brückenschlag zwischen diesen Subdisziplinen aus beiden Richtungen voranzutreiben.
Unser Forschungsprogramm besteht darin, Theorien und Konzepte der IPÖ bzw. VPÖ reziprok nutzbar zu machen, indem gezielt geeignete Forschungsthemen, Theorien und Konzepte ausgewählt, angewandt und weiterentwickelt werden. Dabei soll auch die wachsende Bedeutung großer Schwellenländer im globalen Wirtschaftssystem gebührende Beachtung finden.
Die geplanten Aktivitäten zielen darauf ab, die Kooperation durch die gemeinsame Einwerbung von Drittmitteln für Lehr- und Forschungsprojekte zu verstetigen. Außerdem soll die internationale Sichtbarkeit unseres Forschungs- und Lehrprogramms durch die Ausrichtung mehrerer Konferenzpanels sowie die daran anknüpfende Herausgabe eines Zeitschriftensonderbandes gestärkt werden.
Konstruktiv, kooperativ, digital: Feedback-Konzepte zur Förderung der akademischen Orientierung bei Studierenden
Leitung: Dr. Ruben Kremers
Gefördert durch das Gutenberg Lehrkolleg (GLK)
Projekt: „Interessenskonflikte bezüglich der Europäisierung des Rechtsrahmens für Nachhaltige Unternehmensführung: Ein Vergleich der Positionen und Strategien deutscher und polnischer Wirtschaftsverbände“
Förderung: Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung (DPWS)
Leitung: Prof. Dr. Helen Callaghan
Kooperation: Prof. Rafal Riedel / Universität Opole
Mit dem „Green Deal“ hat die Europäische Union (EU) einen ambitionierten Fahrplan für eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft auf den Weg gebracht. Ein zentraler Bestandteil ist die 2020 initiierte „Sustainable Corporate Governance Initiative.“ Diese zielt darauf ab, Unternehmen mittels gesellschaftsrechtlicher EU-Richtlinien stärker in die Pflicht zu nehmen, ökologisch und sozial nachhaltig zu agieren.
Für Unternehmen sind Nachhaltigkeitsplichten mit Kosten verbunden. Auf nationaler Ebene scheitern entsprechende Gesetze daher oft am Widerstand nationaler Wirtschafts- und Industrieverbände, die auf Wettbewerbsnachteile verweisen. Auf europäischer Ebene ist die
Situation komplizierter. Die Pflichten, denen Unternehmen kraft nationaler Gesetze bereits nachkommen müssen, variieren von Mitgliedsstaat zu Mitgliedsstaat. Dadurch unterscheiden sich auch die Interessenlagen. Auf Unternehmen aus Polen und anderen Mitgliedsstaaten, die bislang vergleichsweise schwachen Nachhaltigkeitspflichten unterlagen, kommen deutlich
höhere Anpassungskosten zu als auf deutsche Unternehmen.
Das wirft folgende Fragen auf: Inwiefern spiegeln sich die unterschiedlichen nationale Rechtslagen in Deutschland und Polen in den Positionen nationaler Wirtschaftsverbände bezüglich europäischer Gesetzesinitiativen wider? Inwiefern schwächen diese Divergenzen
die Fähigkeit europäischer Dachverbände, auf EU-Ebene ihren Einfluss geltend zu machen? Sind sektorale Unterschiede beobachtbar? Welche Stimmen finden im Fall divergierender Interessen Gehör, und warum?
Antworten auf diese Fragen sind nicht nur für die politikwissenschaftliche Grundlagenforschung zu den Erfolgsbedingungen für die grenzüberschreitende Kooperation und Europäisierung von Interessenverbänden relevant. Sie tragen auch dazu bei, politische
Hürden zu identifizieren und abzubauen, die das Zusammenwachsen des europäischen Wirtschaftsraums bremsen. Die bereits florierende Lehrkollaboration der Forschungspartner wird von dem Projekt profitieren und gewährleistet die Einbindung qualifizierter
NachwuchswissenschaftlerInnen.
Förderung: Stiftung Innovation in der Hochschullehre
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
MitarbeiterInnen: Dipl.-Pol. Dorothea Klotter, Dr. Friedrich Plank, Dr. Jürgen Unger-Sirsch
Die Erfahrungen aus den vergangenen Corona-Semestern haben die Herausforderungen, aber auch die Möglichkeiten digitalen Lehrens und Lernens sichtbar gemacht.
Anknüpfend an diese Erfahrungen sowie an innovative JGU-Projekte der vergangenen Jahre widmet sich das Projekt „Mainzer Modelle für digital erweitertes Lehren und Lernen (ModeLL-M). Feedback, Aktivierung, Selbststeuerung und Kollaboration durch hybride Lernsettings stärken“ den komplexen Interaktionsbeziehungen des Lehrens und Lernens.
ModeLL-M ist eines von 139 Projekten, die bundesweit von der Stiftung „Innovation in der Hochschullehre“ im Rahmen der Ausschreibung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ (2020) gefördert werden.
Modelbereich C: Vorlesung.21
Am Institut für Politikwissenschaft werden derzeit durch die Neubesetzung von drei Professuren sechs große Bachelor-Vorlesungen neu konzipiert. Dadurch ergibt sich die seltene Gelegenheit, die vorlesungsbasierte Stoffvermittlung grundlegend zu überdenken. Ähnlich wie die Pilot-CoP sehen auch wir großes Verbesserungspotential in Bezug auf Selbststeuerung, Feedback, Kollaboration und Aktivierung.
Im sozialwissenschaftlichen Kontext ist die Vermittlung von Faktenwissen auch im Bachelorstudium nicht das wichtigste Kompetenzziel. Eigenständiges kritisches Denken und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven gegeneinander abzuwägen oder Grundlagenwissen zu übertragen und anzuwenden, kommen in der Frontallehre zu kurz. Den Empfehlungen des ZQ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz folgend will unsere CoP daher auch im Bereich der Vorlesung den shift from teaching to learning vollziehen. Der oder die sage on the stage soll noch öfter dem oder der guide on the side weichen. Dafür wählen wir ein mehrstufiges Vorgehen. Bausteine aktivierender Lehre werden zunächst in Bezug auf drei inhaltlich komplementäre Vorlesungen zur europäischen Integration entwickelt und erprobt und dann auf weitere Vorlesungen des Instituts übertragen. Der so entstehende, erprobte und auf die Politikwissenschaft zugeschnittene Baukasten für innovative Vorlesungen steht anschließend allen Mitgliedern des Instituts und der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Leitung in Mainz: Dr. Ruben Kremers
kooperatives Forschungsseminar „Den Finanzplatz Frankfurt erforschen“
Die Rhein-Main-Region wird maßgeblich von der internationalen Bedeutung des Finanzplatzes Frankfurt geprägt. An kaum einer Stelle ist der politische Einfluss und die wirtschaftliche Macht des Finanzsektors so sichtbar und spürbar wie im Frankfurter Bankenviertel. Doch welche Rolle genau spielt der lokale Finanzplatz Frankfurt in der globalen Finanzmarktarchitektur? Welche Akteure und Institutionen (inter-)agieren hier? Welche Produkte und Dienstleistungen zirkulieren? Welche Regeln und Gesetze gelten? Welche Infrastrukturen stehen bereit? Was lässt sich in Frankfurt über die Geschichte des Finanzsektors lernen, über Skandale, Verbrechen, und politischen Widerstand? Und schließlich: Welche neuen Erkenntnisse und Perspektiven bietet Frankfurt auf die Rolle des Finanzsektors in kapitalistischen Demokratien und in der Globalen Politischen Ökonomie?
Das Seminar bietet den Studierenden die Möglichkeit, diese und andere Fragen im Rahmen von angeleiteten Forschungsprojekten und Exkursionen in Kleingruppen zu beantworten. Es verfolgt dabei den hochschulpädagogischen Ansatz des forschungsbasierten Lernens. Das Seminar umfasst eine theoretische Einführung in die politische Ökonomie der Finanzmärkte, mehrere Exkursionen zu wichtigen Finanzplätzen in Frankfurt, einen Streifzug durch das Frankfurter Bankenviertel, und eine Reihe studentischer Forschungsprojekte.
Im aktuellen Semester werden folgende Lehrveranstaltungen vom Bereich angeboten:
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Basissem Wirtschaft und Gesellschaft
Dozent:in: Gabriel Klotter; Dr. Jürgen Unger-Sirsch -
Einf. BA Politikwissenschaft/BEd Sozialkunde: Einführungsveranstaltung für Erstsemester und Hochschulortwechsler
Dozent:in: Fabio Best; Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan; Dr. habil. Jasmin Fitzpatrick; Dr. Cornelia Frings; May Jehle; Sabine Schmidt; Dr. Annette Schmitt; Dr. Christoph Wagner -
Koll Examenskolloquium Bereich WG
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan -
Sem (MA) Politische Ökonomie der Dekarbonisierung
Dozent:in: Anna Hehenberger -
V (MA) Ringvorlesung Forschungsmethoden
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan -
V Einführung in Wirtschaft und Gesellschaft
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan; Dr. Jürgen Unger-Sirsch
WiSe 2025/26