Ökonomisches Handeln ist immer gesellschaftlich eingebettet. Zum einen ist eine funktionierende Wirtschaft auf gesellschaftliche Leistungen angewiesen, die sie selbst nicht herstellen kann: etwa Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, unbezahlte Sorgearbeit, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und normative Orientierungen.
Zum anderen hat jede Wirtschaftsordnung eine prägende Wirkung auf die Gesellschaft, in die sie eingebettet ist. Während sie Wohlstand und Partizipation ermöglicht, kann sie ebenso soziale Ungleichheiten vertiefen und Mensch wie Natur belasten.
Wirtschaftliche Strukuren folgen keinen naturgesetzlichen Notwendigkeiten, denen Menschen ausgeliefert sind. Sie entstehen durch soziales Handeln und kulturelle Praktiken und sind daher veränderbar.
Ökonomische Prozesse erzeugen Spannungsfelder – zwischen individuellen und kollektiven Interessen sowie zwischen gegenwärtigen Entscheidungen und zukünftigen Auswirkungen.
Der Arbeitsbereich Politische Ökonomie widmet sich der Untersuchung dieser Spannungsfelder.
Symposium „Europe’s industrial policy options in the digital, green and geoeconomic transitions“ im Xplanatorium Schloss Herrenhausen, Hannover vom 15. April bis 17. April 2026
Förderung: VolkswagenStiftung
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
Projektbeteiligte: Dr. Timur Ergen, Robert Hancké
Europas industriepolitische Optionen angesichts digitaler, klimatischer und geoökonomischer Umbrüche
Europas Demokratien stehen vor der Herausforderung dreier miteinander verwobener globaler Krisen, die jeweils die begrenzten Ressourcen belasten und um Linderung konkurrieren. Die geopolitische Neuausrichtung erfordert drastisch erhöhte Verteidigungsausgaben und führt gleichzeitig zu Störungen von Handelsrouten und Lieferketten. Die Klimakrise erfordert Mittel für deren Eindämmung, Anpassung und Entschädigung der betroffenen Bevölkerungsgruppen im Inland sowie im Globalen Süden. Rapider technologischer Wandel führt zu einem steigenden Bedarf an staatlicher Unterstützung bei der industriellen Umstrukturierung und technologischen Modernisierung.
Um angesichts dieser Krisen und der konkurrierenden Ansprüche auf begrenzte Ressourcen Europas industriepolitische und wirtschaftsstrategische Handlungsoptionen auszuloten, richten wir im April 2026 mit Unterstützung der Volkswagenstiftung ein dreitägiges internationales Symposium aus. Die Gesprächsrunden decken die folgenden Themenbereiche ab: (1) Europas Platz in der postliberalen internationalen politischen Ökonomie; (2) Anreizstrukturen des digitalen und grünen Wandels; (3) Industriepolitische Auswirkungen neuer Geschäftsmodelle; (4) Neue Industriepolitiken in historischer Perspektive; (5) Nationale Wachstumsmodelle in einem sich wandelnden geoökonomischen Kontext.
Projekt: „Netzwerk Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie“
Förderung: Rhein-Main-Universitäten Förderlinie „Förderung der RMU-Vernetzung in innovativen Projekten“
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
Die Politische Ökonomie als Teilgebiet der Politikwissenschaft krankt seit Jahrzehnten an einer exzessiven Binnendifferenzierung. Besonders problematisch sind der unterentwickelte Dialog zwischen der Vergleichenden Politischen Ökonomie (VPÖ) und der Internationalen Politischen Ökonomie (IPÖ) sowie der mangelnde Austausch zwischen RegionalexpertInnen für OECD-Länder und den Globalen Süden.
Unser RMU-Netzwerk widmet sich dem Ziel, den dringend notwendigen Brückenschlag zwischen diesen Subdisziplinen aus beiden Richtungen voranzutreiben.
Unser Forschungsprogramm besteht darin, Theorien und Konzepte der IPÖ bzw. VPÖ reziprok nutzbar zu machen, indem gezielt geeignete Forschungsthemen, Theorien und Konzepte ausgewählt, angewandt und weiterentwickelt werden. Dabei soll auch die wachsende Bedeutung großer Schwellenländer im globalen Wirtschaftssystem gebührende Beachtung finden.
Die geplanten Aktivitäten zielen darauf ab, die Kooperation durch die gemeinsame Einwerbung von Drittmitteln für Lehr- und Forschungsprojekte zu verstetigen. Außerdem soll die internationale Sichtbarkeit unseres Forschungs- und Lehrprogramms durch die Ausrichtung mehrerer Konferenzpanels sowie die daran anknüpfende Herausgabe eines Zeitschriftensonderbandes gestärkt werden.
Projekt: „Interessenskonflikte bezüglich der Europäisierung des Rechtsrahmens für Nachhaltige Unternehmensführung: Ein Vergleich der Positionen und Strategien deutscher und polnischer Wirtschaftsverbände“
Förderung: Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung (DPWS)
Leitung: Prof. Dr. Helen Callaghan
Kooperation: Prof. Rafal Riedel / Universität Opole
Mit dem „Green Deal“ hat die Europäische Union (EU) einen ambitionierten Fahrplan für eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft auf den Weg gebracht. Ein zentraler Bestandteil ist die 2020 initiierte „Sustainable Corporate Governance Initiative.“ Diese zielt darauf ab, Unternehmen mittels gesellschaftsrechtlicher EU-Richtlinien stärker in die Pflicht zu nehmen, ökologisch und sozial nachhaltig zu agieren.
Für Unternehmen sind Nachhaltigkeitsplichten mit Kosten verbunden. Auf nationaler Ebene scheitern entsprechende Gesetze daher oft am Widerstand nationaler Wirtschafts- und Industrieverbände, die auf Wettbewerbsnachteile verweisen. Auf europäischer Ebene ist die
Situation komplizierter. Die Pflichten, denen Unternehmen kraft nationaler Gesetze bereits nachkommen müssen, variieren von Mitgliedsstaat zu Mitgliedsstaat. Dadurch unterscheiden sich auch die Interessenlagen. Auf Unternehmen aus Polen und anderen Mitgliedsstaaten, die bislang vergleichsweise schwachen Nachhaltigkeitspflichten unterlagen, kommen deutlich
höhere Anpassungskosten zu als auf deutsche Unternehmen.
Das wirft folgende Fragen auf: Inwiefern spiegeln sich die unterschiedlichen nationale Rechtslagen in Deutschland und Polen in den Positionen nationaler Wirtschaftsverbände bezüglich europäischer Gesetzesinitiativen wider? Inwiefern schwächen diese Divergenzen
die Fähigkeit europäischer Dachverbände, auf EU-Ebene ihren Einfluss geltend zu machen? Sind sektorale Unterschiede beobachtbar? Welche Stimmen finden im Fall divergierender Interessen Gehör, und warum?
Antworten auf diese Fragen sind nicht nur für die politikwissenschaftliche Grundlagenforschung zu den Erfolgsbedingungen für die grenzüberschreitende Kooperation und Europäisierung von Interessenverbänden relevant. Sie tragen auch dazu bei, politische
Hürden zu identifizieren und abzubauen, die das Zusammenwachsen des europäischen Wirtschaftsraums bremsen. Die bereits florierende Lehrkollaboration der Forschungspartner wird von dem Projekt profitieren und gewährleistet die Einbindung qualifizierter
NachwuchswissenschaftlerInnen.
Förderung: Stiftung Innovation in der Hochschullehre
Leitung: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan
MitarbeiterInnen: Dipl.-Pol. Dorothea Klotter, Dr. Friedrich Plank, Dr. Jürgen Unger-Sirsch
Die Erfahrungen aus den vergangenen Corona-Semestern haben die Herausforderungen, aber auch die Möglichkeiten digitalen Lehrens und Lernens sichtbar gemacht.
Anknüpfend an diese Erfahrungen sowie an innovative JGU-Projekte der vergangenen Jahre widmet sich das Projekt „Mainzer Modelle für digital erweitertes Lehren und Lernen (ModeLL-M). Feedback, Aktivierung, Selbststeuerung und Kollaboration durch hybride Lernsettings stärken“ den komplexen Interaktionsbeziehungen des Lehrens und Lernens.
ModeLL-M ist eines von 139 Projekten, die bundesweit von der Stiftung „Innovation in der Hochschullehre“ im Rahmen der Ausschreibung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ (2020) gefördert werden.
Modelbereich C: Vorlesung.21
Am Institut für Politikwissenschaft werden derzeit durch die Neubesetzung von drei Professuren sechs große Bachelor-Vorlesungen neu konzipiert. Dadurch ergibt sich die seltene Gelegenheit, die vorlesungsbasierte Stoffvermittlung grundlegend zu überdenken. Ähnlich wie die Pilot-CoP sehen auch wir großes Verbesserungspotential in Bezug auf Selbststeuerung, Feedback, Kollaboration und Aktivierung.
Im sozialwissenschaftlichen Kontext ist die Vermittlung von Faktenwissen auch im Bachelorstudium nicht das wichtigste Kompetenzziel. Eigenständiges kritisches Denken und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven gegeneinander abzuwägen oder Grundlagenwissen zu übertragen und anzuwenden, kommen in der Frontallehre zu kurz. Den Empfehlungen des ZQ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz folgend will unsere CoP daher auch im Bereich der Vorlesung den shift from teaching to learning vollziehen. Der oder die sage on the stage soll noch öfter dem oder der guide on the side weichen. Dafür wählen wir ein mehrstufiges Vorgehen. Bausteine aktivierender Lehre werden zunächst in Bezug auf drei inhaltlich komplementäre Vorlesungen zur europäischen Integration entwickelt und erprobt und dann auf weitere Vorlesungen des Instituts übertragen. Der so entstehende, erprobte und auf die Politikwissenschaft zugeschnittene Baukasten für innovative Vorlesungen steht anschließend allen Mitgliedern des Instituts und der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Leitung in Mainz: Dr. Ruben Kremers
kooperatives Forschungsseminar „Den Finanzplatz Frankfurt erforschen“
Die Rhein-Main-Region wird maßgeblich von der internationalen Bedeutung des Finanzplatzes Frankfurt geprägt. An kaum einer Stelle ist der politische Einfluss und die wirtschaftliche Macht des Finanzsektors so sichtbar und spürbar wie im Frankfurter Bankenviertel. Doch welche Rolle genau spielt der lokale Finanzplatz Frankfurt in der globalen Finanzmarktarchitektur? Welche Akteure und Institutionen (inter-)agieren hier? Welche Produkte und Dienstleistungen zirkulieren? Welche Regeln und Gesetze gelten? Welche Infrastrukturen stehen bereit? Was lässt sich in Frankfurt über die Geschichte des Finanzsektors lernen, über Skandale, Verbrechen, und politischen Widerstand? Und schließlich: Welche neuen Erkenntnisse und Perspektiven bietet Frankfurt auf die Rolle des Finanzsektors in kapitalistischen Demokratien und in der Globalen Politischen Ökonomie?
Das Seminar bietet den Studierenden die Möglichkeit, diese und andere Fragen im Rahmen von angeleiteten Forschungsprojekten und Exkursionen in Kleingruppen zu beantworten. Es verfolgt dabei den hochschulpädagogischen Ansatz des forschungsbasierten Lernens. Das Seminar umfasst eine theoretische Einführung in die politische Ökonomie der Finanzmärkte, mehrere Exkursionen zu wichtigen Finanzplätzen in Frankfurt, einen Streifzug durch das Frankfurter Bankenviertel, und eine Reihe studentischer Forschungsprojekte.

# Konstruktiv, kooperativ, digital: Neue Wege der Feedbackkultur in der politikwissenschaftlichen Lehre
Leitung: Dr. Ruben Kremers
Eine zentrale Herausforderung für Lehrende besteht darin, Studierenden eine akademische Orientierung zu vermitteln, die sie dazu befähigt, sich kritisch mit Lerninhalten auseinanderzusetzen sowie ihre intellektuelle Entwicklung eigenständig und motiviert voranzutreiben. Leistungsstarke Studierende haben diese Orientierung oft bereits und lernen unabhängig von der Lehrmethode erfolgreich. Unser Projekt “Konstruktiv, kooperativ, digital: Feedback-Konzepte zur Förderung der akademischen Orientierung bei Studierenden“ zielte darauf ab diese Orientierung durch das geleitete Erproben einer konstruktiven Feedbackkultur bei allen Studierenden gleichermaßen zu fördern.
In diesem Blogpost berichten wir von unseren Erfahrungen mit dem Projekt, um einen Beitrag zur breiteren Debatte über die Wissens- und Kompetenzvermittlung in der Politikwissenschaft zu leisten. Wir beschreiben zunächst den Kontext des Projektes. Dann stellen wir zwei didaktische Methoden vor, die im Zuge des Projektes in unseren Seminaren zur Anwendung gekommen sind. Wir berichten von unseren Erfahrungen mit den beiden Methoden aus der Lehrenden Perspektive und besprechen die Rückmeldung, die wir von Studierenden bekommen haben. Schließlich stellen wir Überlegungen zu den Herausforderungen, Vorteilen und der Übertragbarkeit der Methoden an und stellen Materialien bereit, die zur Anwendung der Methoden in der Zukunft genutzt werden können.
Kontext des Projektes
Das Projekt “Konstruktiv, kooperativ, digital: Feedback-Konzepte zur Förderung der akademischen Orientierung bei Studierenden” wurde vom Gutenberg Lehrkolleg als Schwerpunktprojekt gefördert. Unser Ziel war es, die Wirkung und Übertragbarkeit verschiedener didaktischer Methoden zur gezielten Förderung einer konstruktiven Feedbackkultur in zwei unterschiedlichen Seminaren zu erproben. Dazu wählten wir ein Methodenseminar (“Qualitative Methoden”, 14 Teilnehmer*innen) und ein inhaltliches Seminar (“Politics of Global Finance”, 12 Teilnehmer*innen) für Studierende im Master. In beiden Seminaren kamen insgesamt 5 verschiedene Methoden zum Einsatz. In diesem Blogpost stellen wir zwei Methoden vor, die sich im Verlauf des Projektes als besonders effektiv erwiesen haben: Das Paarweise Peer-to-Peer Feedback und der Mehrstufige Peer-to-Peer Review für Hausarbeits-Exposés.
Feedback Konzept #1: Das paarweises Peer-to-Peer Feedback
Im paarweisen Peer-to-Peer Feedback vergaben wir seminarspezifische Aufgaben, die Studierende teils in Vorbereitung auf das Seminar und teils während der Sitzung zu bearbeiten hatten. Wir baten die Studierenden anschließend, ihre Ergebnisse untereinander auszutauschen und sich gegenseitig Rückmeldung zu geben, bevor sowohl die Ergebnisse als auch das Feedback im Plenum besprochen wurden. Ziel der Übung war es, Studierende dazu zu ermutigen, auch unfertige Ergebnisse untereinander auszutauschen; ihnen die Möglichkeit zu bieten, konstruktives Feedback zu üben; und sie zum Nachdenken darüber zu ermuntern, was konstruktives Feedback ausmacht.
Im Global Finance Seminar bestand die Aufgabe darin, den Unterschied zwischen Aktien (stocks), Anleihen (bonds), und Termingeschäften (futures) herauszuarbeiten. Die Anweisung lautete:
- Form small teams of 2-3 people. Use the text by Roscoe and/or Wigglesworth to create a one-page explainer of (a) stocks (b) bonds (c) futures that can be uploaded to Moodle as a learning resource. You may also consult online resources (investopedia, wikipedia, etc). The explainer should contain at least one image, and answer the following five questions:
- When did the financial instrument emerge (according to today’s readings)?
- What problem did the financial instrument solve at the time?
- Who sold the financial instrument, and why?
- Who bought the financial instrument, and why?
- Who used the financial instrument for speculation, and why?
- Exchange your one-page explainer with the team next to you. Provide feedback by answering the following questions:
- What is the topic of the explainer?
- What was done well?
- Where is room for improvement?
- What steps could be taken to achieve this?
Im Anschluss an eine 30-minütige Arbeitsphase, wurden die Ergebnisse und das Feedback im Plenum diskutiert. Dabei wurden zunächst inhaltliche Fragen geklärt, bevor die Rolle und Qualität des Feedbacks zur Sprache kam. Die Studierenden wurden gebeten, über die Art und den Inhalt des Feedbacks zu reden und dann gemeinsam über die Herausforderungen des effektiven Feedback Gebens und Nehmens nachzudenken.
Im Methodenseminar erfolgte das paarweise Peer-to-Peer Feedback auf eine Aufgabe, die zur Vorbereitung einer Sitzung zur qualitativen Inhaltsanalyse erledigt werden sollte. Dabei sollten die Studierenden eine Auswahl von Bundestagsdebatten anhand eines vorgegebenen Kategorienschemas analysieren und einschlägige Textstellen per Software bestimmten Kategorien zuordnen. Im Peer-to-Peer Feedback bestand die Aufgabe darin, sich zunächst Feedback auf die Kodierungsentscheidungen zu geben. Darauf aufbauend sollten Probleme der Abgrenzung und des vorgegebenen Kategorienschemas reflektiert werden (hierzu gab es vorher einen Input in Form einer Präsentation des Dozierenden sowie einen Pflichttext für die Sitzung, siehe: Arbeitsmaterialien). Die Ergebnisse wurden dann nochmal im Plenum gemeinsam diskutiert.
In beiden Seminaren stellte sich die Methode des Paarweisen Feedbacks als besonders produktiv heraus. Dabei fielen uns insbesondere vier Ergebnisse auf, die positiv hervorgehoben werden können. Erstens stieg die Beteiligung der Studierenden deutlich an, besonders in Kleingruppendiskussionen, wo sie sich engagierter zeigten als in größeren Gruppen, in denen sie oft zurückhaltender waren. Zweitens stellte sich die Übung als ein ausgezeichneter Ausgangspunkt für die Studierenden heraus, um sich auf gemeinsame Kriterien der konstruktiven Kritik zu verständigen, die im späteren Verlauf des Seminars immer wieder zur Sprache kamen. Drittens – und darauf aufbauend – trug die Übung merklich zum Aufbau eines gegenseitigen Vertrauens und einer kooperativen Stimmung bei, die sich jeweils auch in die folgenden Sitzungen übertrugen. Viertens konnte ein gesteigertes Problembewusstsein seitens der Studierenden festgestellt werden: Beispielsweise hat das gemeinsame Hinterfragen der Aufgabenstellung in der Sitzung zur Qualitativen Inhaltsanalyse dazu beigetragen, dass viele Studierende ein Problembewusstsein hierfür entwickelten sowie in der Folge selbstbewusster mit der Methode umgehen konnten.
Die Rückmeldung der Studierenden bestätigte diese Beobachtungen. Im Methodenseminar gehörte die Sitzung zu MaxQDA zu den Sitzungen, die von den Studierenden in der Evaluation am häufigsten positiv hervorgehoben wurden. Im Global Finance Seminar gaben Studierende einstimmig an, eine vertrauensvolle Atmosphäre für Feedback vorgefunden zu haben, die die eigenen Lernergebnisse verbessert hat (siehe Bild 1).
Feedback Konzept #2: Peer-to-Peer Feedback für Exposés
Das Peer-to-Peer Feedback für die Exposés der Studierenden fand über mehrere Sitzungen statt. Anstelle einer Pflichtlektüre beauftragten wir die Studierenden, ein Exposé zu verfassen. Während der ersten Sitzung wurden Feedbackrunden in Kleingruppen durchgeführt, in denen die Studierenden ihre Exposés präsentierten und sich auf Grundlage eines von uns bereitgestellten Leitfadens gegenseitig Rückmeldung gaben. Für die darauffolgende Sitzung beauftragten wir die Studierenden, die Exposés auf Grundlage der Rückmeldung zu überarbeiten. Während der Sitzung erklärten die Studierenden dann jeweils die vorgenommenen Änderungen. Ziel der Übung war es zum einen, den Studierenden die Bedeutung von Feedback als einen wesentlichen Bestandteil akademischer Tätigkeit bewusst zu machen. Zum anderen sollte die Übung die Fähigkeit der Studierenden fördern, konstruktives Feedback nicht nur zu produzieren, sondern auch schriftlich einzuarbeiten. Schließlich zielte die Übung zusätzlich darauf ab, durch die Arbeit an einem hochwertigen Exposé auch die Qualität der darauf aufbauenden Seminararbeiten zu erhöhen.
Im Global Finance Seminar wurden Anweisungen für das Exposé per Moodle kommuniziert. Dabei wurde eine Struktur für das Exposé vorgegeben und eine Liste an möglichen Themen bereitgestellt:
Dear all,
Please note that there are no readings for the next session. Instead, I am asking you to prepare a short expose (1-2 pages). The expose should include the following information: (a) topic/theme (b) research question (c) argument/answer (d) outline (e) literature. As discussed, you will present and give feedback on someone else’s expose next week. This feedback should then form the basis of their revisions to be presented in session 13.
For those of you who have not yet decided on your topic: I have uploaded a document on Moodle with possible essay questions entitled Guidance for possible essay questions. The document is meant as an inspiration – you may choose one of the questions, but you are free to come up with a question of your own.
If you have further questions, please get in touch.
Looking forward to next week!
In der ersten Sitzung wurde dann ein Handout mit den folgenden Anweisungen erteilt:
Task 1 – How to assess the quality of an exposé?
My assessment criteria for exposés are as follows:
- Is the topic relevant?
- Is the question interesting?
- Is the (prliminary) answer convincing?
- Is the structure plausible?
- Is the literature relevant?
Do you find these criteria plausible? Can you think of other criteria that should be considered?
Task 2 – Rehearsing feedback
Form small groups of two. Read each other’s exposés. Prepare a short presentation of the exposé, including feedback based on the criteria discussed. The presentation should answer the following questions:
- What is the topic of the expose?
- What was done well?
- Where is room for improvement?
- What steps could be taken to achieve this?
Für das darauffolgende Seminar erhielten die Studierenden folgende Anweisungen:
Dear all,
As with the last session, there are no assigned readings for next week. Instead, I am asking you to develop your exposes based on the feedback you have received. I would further like you to prepare a short presentation of 5 minutes on the topic of your expose. The presentation should answer the following questions: What is the topic/issue of your expose? Why did you choose this topic? What is your research question? What literature have you looked at to begin and answer the question? What questions and/or challenges remain?
Please note: those of you who are not planning to write a dissertation in my course are exempt from preparing a presentation. You will take on another important role. You will act as a critical reviewer offering constructive questions, reflections and feedback on the presentations and topics – a vital opportunity to practise and rehearse your academic feedback skills!
I look forward to seeing you in class!
In der zweiten Sitzung, präsentierten die Studierenden dann jeweils die Änderungen, die sie aufgrund des Feedbacks in der vorherigen Sitzung vorgenommen hatten. Dabei erhielten die Studierenden zudem die Chance, bestehende Herausforderungen und nächste Schritte in der Gruppe zu besprechen.
Im Methodenseminar erfolgte die erste Feedbackrunde zur Konzipierung einer Fragestellung in der Mitte des Seminars. Diese sollte zu Hause vorbereitet werden. In der Sitzung gab es Feedbackrunden in Kleingruppen, in denen die Studierenden sich ihre Fragestellungen gegenseitig vorstellen und darauf Feedback von den anderen Studierenden in der Kleingruppe erhalten. Danach wurden die Fragestellungen nochmal im Plenum vorgestellt und gemeinsam diskutiert – wobei die in den Kleingruppen aufgeworfenen Probleme berücksichtigt werden sollten. Auf dieser Grundlage hatten die Studierenden die Aufgabe, ein Exposé bis zur vorvorletzten Sitzung zu erarbeiten. Das Feedback für das Exposé erstreckte sich über mehrere Sitzungen: Zunächst gab es wieder Kleingruppen-Feedback in einer Sitzung. Auf dieser Grundlage sollten die Studierenden das Exposé überarbeiten und dann nochmal im Plenum vorstellen und Feedback erhalten. Da hierfür mindestens 15 Minuten pro Exposé benötigt werden, mussten hierfür zwei Sitzungen bereitgestellt werden.
In beiden Seminaren stellte sich die Methode des Peer-to-Peer Feedback für Exposés als besonders produktiv heraus. Den Studierenden gelang es, sehr konstruktive Rückmeldungen zu artikulieren und ihre Exposés in der Überarbeitung bedeutend zu verbessern. Dies spiegelte sich in den Sprechstunden nach Abschluss des Seminars wider, in die die Studierenden beider Seminare zu einem früheren Zeitpunkt, mit besseren Ideen und mit vertieften Fragen zur Vorbereitung der Hausarbeit erschienen. Die Rückmeldung der Studierenden bestätigte diese Beobachtung – in der studentischen Evaluation beider Seminare wurden die Sitzungen zu den Exposés mehrfach positiv erwähnt (siehe Bild 2).
Vorteile, Herausforderungen, Übertragbarkeit
Welche Erkenntnisse lassen sich aus unseren Erfahrungen mit dem Projekt für die breitere Debatte über die Wissens- und Kompetenzvermittlung in der Politikwissenschaft ziehen? Drei Vorteile sollen hier hervorgehoben werden:
- Feedback Kultur & Akademische Orientierung. Unser übergeordnetes Ziel war es, die akademische Orientierung der Studierenden durch die aktive Gestaltung einer konstruktiven Feedbackkultur in den zwei Seminaren zu fördern. Dabei ging es uns insbesondere darum, Studierende mit ausgeprägter und weniger ausgeprägter akademischer Orientierung gleichermaßen zu fördern. Die beiden Methoden – sowie die aktive Gestaltung der Feedbackkultur in den beiden Seminaren generell – haben sich für dieses Ziel bewährt. Beide Methoden trugen maßgeblich zu einer vertrauensvollen und kooperativen Atmosphäre bei, in der die Studierenden nicht nur die akademische Bedeutung von Feedback, sondern auch die theoretischen Kriterien und die praktische Anwendung wissenschaftlichen Feedbacks gemeinsam erfahren, erproben und diskutieren konnten. Studierende, die angaben, bereits regelmäßig Feedback einzufordern, konnten das Bereitstellen und Einarbeiten von Feedback üben, während Studierende, die angaben, Feedback seltener zu nutzen, dazu ermuntert wurden dies in der Zukunft häufiger zu tun.
- Aktivierung, Motivation & Kritikfähigkeit der Studierenden. Beide Methoden trugen zudem in hohem Maße zur Aktivierung, Motivation, und Kritikfähigkeit der Studierenden bei. Der gemeinsame Austausch über Kriterien gelungener Rückmeldung stellte sich als eine großartige Vorbereitung nicht nur für die Feedback Aufgaben selbst, sondern für die Diskussionen im Seminar generell heraus. Dabei bezogen sich die Studierenden widerholt auf die Kriterien um eigene Redebeiträge in den Verlauf der Diskussionen einzuordnen. Die Erwartung Feedback zu geben und zu erhalten erhöhte nach Angaben der Studierenden die Motivation für die gestellten Aufgaben, und führte im Anschluss zu einer regen Beteiligung an Diskussionen über die erteilten bzw. erhaltenen Rückmeldungen.
- Effizienz- und Qualitätsgewinne. Aus der Perspektive der Dozierenden lohnte sich die Erarbeitung von Feedbackelementen auch mit Blick auf Effizienz- und Qualitätsgewinne. Die Vorbereitung der Methoden war nicht aufwendiger als die Vorbereitung inhaltlichen Inputs der stattdessen von den Studierenden selbst erarbeitet, bereitgestellt und diskutiert wurde. Dank des Feedbacks auf Exposes erhöhte sich die Qualität der Sprechstunden zur Vorbereitung von Hausarbeiten erheblich, und wir erwarten, dass sich dies auch in besseren Hausarbeiten spiegeln wird (zu früh zu sagen).
Neben diesen Vorteilen gilt es auch eine Reihe didaktischer Herausforderungen zu bedenken:
- Didaktische Herausforderungen. Der Erfolg der beschriebenen Methoden hängt maßgeblich von der aktiven pädagogischen Begleitung der Dozierenden ab. Zum einen gilt es die Aufgaben klar zu formulieren und den Studierenden den Sinn der Übungen und letztlich die Bedeutung von Feedback als übertragbare akademische Fähigkeit zu vermitteln. Eine Schwierigkeit kann sich gerade aus der unterschiedlichen Ausprägung der akademischen Orientierung bei den Studierenden ergeben. Im Global Finance Seminar gaben acht der zwölf Teilnehmer an, dass sie regelmäßig in ihrem Umfeld nach Feedback fragen. Vier gaben an, dass Feedback eher eine untergeordnete Rolle spiele. Dieses Ungleichgewicht entsprach unseren Erwartungen, stellte aber die didaktische Herausforderung dar, Studierende mit viel und wenig Feedback Erfahrung gleichermaßen zum Nachdenken über Feedback anzuregen.
- Zeitliche Herausforderungen. Eine Restriktion die bei der Konzipierung von Feedback Elementen berücksichtigt werden muss ist die Größe des Seminars: Bei reinem Peer-to-Peer Feedback spielt die Größe zwar keine Rolle, aber wenn man noch eine weitere Feedbackschleife mit dem Plenum eingebaut, verbraucht pro zusätzlichem Studierenden mehr Zeit. In einem Seminar mit 12 Studierenden braucht man dann z.B. für die Vorstellung der Exposés 2 Sitzungen, wenn man 15 Minuten pro Exposé veranschlagt – was eigentlich schon ziemlich knapp bemessen ist. Aus unserer Sicht ist jedoch die zweite Feedbackschleife wichtig zur Motivation: Die paarweise erarbeiteten Inhalte verpuffen dann nicht einfach, sondern müssen noch präsentiert werden, was den Effekt hat, dass die Studierenden die Aufgaben insbesondere in späteren Sitzungen des Semesters deutlich ernster nehmen.
Trotz dieser Herausforderungen erwiesen sich die erprobten Feedback-Konzepte als wertvolle Ergänzung zur traditionellen Lehre. Die aktive Gestaltung einer konstruktiven Feedbackkultur stellt in unseren Augen einen wichtigen und vielversprechenden Schritt zur Förderung einer inklusiven und qualitativ hochwertigen Hochschullehre dar. Eine aktiv geförderte Feedbackkultur fördert nicht nur die akademische Orientierung der Studierenden, sondern leistet auch einen Beitrag zur Chancengleichheit in der Hochschulbildung. Die positiven Rückmeldungen der Studierenden bestärken uns darin, diesen Weg weiterzuverfolgen und die entwickelten Methoden weiter zu verfeinern und auszubauen. Dabei sehen wir darüber hinaus auch ein großes Potenzial, die Methoden auf andere Lehrveranstaltungen und Fachbereiche zu übertragen. Wir hoffen daher, dass ihre Übertragbarkeit in andere Lehr- und Lernkontexte in der Zukunft auch von anderen Dozierenden erprobt werden. Zu diesem Zweck stellen wir unten die Materialien, die wir in unseren Seminaren benutzt haben, bereit.
Arbeitsmaterialien
Einen Link zu den Arbeitsmaterialien finden Sie hier:
Im aktuellen Semester werden folgende Lehrveranstaltungen vom Bereich angeboten:
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Basissem Wirtschaft und Gesellschaft
Dozent:in: Gabriel Klotter; Dr. Jürgen Unger-Sirsch -
Einf. BA Politikwissenschaft/BEd Sozialkunde: Einführungsveranstaltung für Erstsemester und Hochschulortwechsler
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan; Dr. habil. Jasmin Fitzpatrick; Dr. Cornelia Frings; May Jehle; Victoria Krüger; Dr. Christoph Wagner -
Koll Examenskolloquium Bereich WG
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan -
Sem (MA) Comparative political economy of advanced capitalism: Theories and current research
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan; Robert Hancké -
V Thema Wirtschaft und Gesellschaft: Grundlagen von Wirtschaftspolitik für Sozialwissenschaften und Lehramt
Dozent:in: Univ.-Prof. Dr. Helen Callaghan; Anna Hehenberger
SoSe 2026